Die Liebe
Ein Zustand oder ein Gefühl?
Der 14. Februar ist ein Tag, an dem die Liebe gefeiert wird. Ein Tag, den ich zum Anlass nehme, um meine Gedanken über dieses besondere Gefühl zu teilen.
Was Liebe ist und was sie sein kann, durfte ich besonders im letzten Jahr sehr bewusst erfahren. Wir können auf unterschiedlichen Arten lieben, haben unsere Familie lieb, unsere Freunde, verlieben uns neu oder entlieben uns vielleicht auch wieder. Auch das gehört dazu. Wir können einen Menschen ganz besonders lieben oder mehrere, auf unterschiedliche Weise und für unterschiedliche Dinge.


Was bedeutet es zu lieben?
Als ich mit meinem ersten Freund zusammen war, fiel es mir extrem schwer, das erste Mal „ich liebe dich“ zu sagen. Schon damals wusste ich, dass dieser Ausdruck etwas sehr Kraftvolles ist. Der Satz sagt für mich so viel mehr als „ich mag dich sehr“ oder „ich hab dich gern“. Jemanden zu lieben bedeutet für mich, den Menschen voll und ganz wahrzunehmen, ihn für seine Eigenschaften zu schätzen, die besonderen Eigenheiten zu erkennen, Freude und Trauer gern mit ihm teilen zu wollen. Es gehört für mich auch dazu, ihm bedingungslos zu vertrauen, seine Schwächen zu sehen und beim Umgang damit behilflich oder unterstützend zu sein und durch Gespräche und gemeinsame Erlebnisse weiterzuwachsen.

Der erste Eindruck
Der Mensch als Wesen ist so vielseitig. Wir begegnen uns erst im Außen, können äußere Merkmale anziehend, neutral oder unattraktiv bewerten. Der erste Eindruck hilft uns bei einer groben Orientierung. Doch wenn er anfänglich etwas Zurückhaltendes, Beobachtendes vermittelt – wird die Person für dich nicht automatisch schöner, je mehr du über ihren Charakter, ihre Denkweisen und Inspirationen erfährst, sofern diese mit deinen zusammenpassen? Ich liebe den Prozess am allermeisten, wenn sich das äußere Bild mit dem Inneren angleicht und ich plötzlich eine ganz neue Version desjenigen wahrnehmen kann. Ich bin offen dafür, ich möchte meinem ersten Eindruck nicht bedingungslos glauben.
der Wandel der Wahrnehmung
Einen Menschen neu kennenzulernen, ist eine bewusste Entscheidung. Möchte ich mehr von dir wissen? Warum? Bin ich frei dabei, mir mein eigenes Bild von dir zu machen oder werde ich von jemandem gedrängt? Welche Facette von dir interessiert mich gerade am meisten? Jede*r hat eine Geschichte und beim Kennenlernen diese behutsam zu erfahren und nicht von eigenen Erfahrungen auf andere zu schließen, finde ich am schwierigsten. Wenn wir uns für das Kennenlernen entscheiden, finde ich es wunderschön, den Wandel der eigenen Wahrnehmung zu beobachten. Es ist, als würden in einem Pixelbild immer mehr Details sichtbar. Bei manchen Menschen schaffen wir es, ein ganz klares Bild zu haben, bei anderen reicht uns vielleicht eine ungefähre Ahnung aus. Alles ist okay, auch dass sich einzelne Facetten verändern und neu zusammenschließen können.

Selbstliebe, philia, Eros und Agape
Besonders kraftvoll finde ich den Prozess, wenn du ihn für dich selbst wahrnehmen kannst. Ich weiß immer noch nicht genau, wie die Selbstliebe für mich funktioniert. Aber ich darf erfahren, was andere in mir sehen und dabei lernen mich für das zu lieben, was ich bin. Und das ist so ein schönes Gefühl, das mich jedes Mal voll Dankbarkeit überwältigt. Da ist jemand in deinem Leben, der mehr in dir sieht, als du es gerade kannst, der deine Stärken sieht und mit dir an deinen Herausforderungen und Schwächen arbeitet. Der dir einen schützenden Raum bietet, Emotionen zu fühlen und deine Zeiger neu auszurichten. Er erkennt, wozu du fähig bist und kitzelt deine verborgenen Träume hervor. Du wirst gesehen. Als diejenige, die du bist. Als derjenige, der du schon immer sein wolltest. Du kannst plötzlich nach innen sehen und verstehen, es ist alles da. Durch diesen oder diese besonderen Menschen kannst du lernen, dich selbst zu lieben und du selbst zu werden.
Ich bin dankbar, diese Art von bedingungsloser Liebe erfahren zu dürfen. Ich hoffe, dass ich sie bereits ebenso weitergebe. Denn es ist schön, so zu fühlen, die Menschen wachsen zu sehen und die Freude mit ihnen darüber zu teilen. Diese Art von tiefer und uneigennütziger Liebe nennt sich Agape. Sie übersteigt das reine sexuelle Interesse, sie ist Ausdruck tiefer Verbundenheit und Zuneigung. Sie beschreibt für mich genau den Zustand, einen Menschen zu lieben. Wenn man neben der sexuellen (Eros) und freundschaftlichen (Philia) Liebe, einen Menschen so liebt, ist das für mich der Inbegriff einer erfüllten Partnerschaft. Alle drei Bestandteile sind wichtig. Und manchmal überwiegt der eine, manchmal der andere Teil. Aber durch die herausfordernden Phasen kann man es nur durch die Agape schaffen, durch die man gemeinsam zu etwas Größerem wachsen kann. Weil man sich eben wahrhaftig wahrnimmt, schätzt und vertraut.

Auch heute gehe ich mit dem Satz „ich liebe dich“ immer noch behutsam um. Ich will nicht, dass er etwas Belangloses wird, dass ich ihn so nebenbei sage. Denn es ist etwas ganz Besonderes einen Menschen so zu lieben, dass man ihm diese Worte sagen möchte. Und wenn ich es ausspreche, weiß ich, dass ich diesen Zustand gerade zu 100 % fühle.